FAS-Online-Fortbildung für Lehrer

Kinder mit dem Fetalen Alkoholsyndrom stoßen in der Schule fast immer auf Unverständnis und gelten schnell als „unbeschulbar“. Ihr Verhalten wird allenthalben als frech, ungezogen, hochaggressiv, faul und unkonzentriert wahr genommen. Das hat seinen Grund und ist vermeidbar.
„Leistungsdruck, Überforderung und Reizüberflutung sind Gift für sie“, stellt Ralf Neier klar. Der 52jährige weiß wovon er spricht. Der Sozialarbeiter ist FAS-zertifizierter Experte, Leiter einer Intensivgruppe beim Eylarduswerk und unermüdlicher Vortragsreisender. Die Erfahrung zeigt: Wüssten die Lehrer um die speziellen Probleme und Nöte dieser Kinder, und wüssten sie um die pädagogischen Möglichkeiten auf die Kinder einzugehen und sie ihren Fähigkeiten entsprechend zu fördern, würde sich die Schulsituation für alle Beteiligten deutlich entspannen.
Um das zu erreichen, haben der Verein FASD Netzwerk Nordbayern gemeinsam mit der Universität Erlangen-Nürnberg, dies unter der Leitung der Psychologin Marion Meyerolbersleben, eine Online-Fortbildung für Lehrer ins Leben gerufen.

Was hat den Anstoß gegeben, eine Online-Fortbildung für Lehrer anzubieten?
Marion Meyerolbersleben: Den Anstoß gab der Aufruf des Zentrums für Lehrerinnen- und Lehrerausbildung (ZfL), eine Einrichtung der Universität Erlangen-Nürnberg. Es wurde vor Jahren nach Kursangeboten gefragt und ich hatte auf einmal die Idee, beim FASD-Netzwerk Nordbayern nachzufragen. Die Antwort kam schnell und öffnete den Weg für eine spannenden Kooperation.

Richtet sich die Fortbildung an Lehrer aller Schulformen?
Marion Meyersolbersleben: Ja!

Sind Vorkenntnisse erforderlich? Wenn ja, welche?
Marion Meyerolbersleben: Es sind keine inhaltlichen, nur grundsätzliche Kenntnisse bei der Nutzung des Internets nötig.

Welche Themenbereiche werden mit der Fortbildung abgedeckt?
Marion Meyerolbersleben: Dieses Seminar gibt erstens einen Überblick über die Folgen von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft. Präventive Maßnahmen sind nötig, um die Anzahl der Betroffenen deutlich zu verringern. Da FASD bei konsequentem Alkoholverzicht zu 100% vermeidbar ist, geht es zweitens um die Primärprävention. Deshalb sollte jungen Menschen die Botschaft, “kein Alkohol, wenn Du schwanger bist”, bereits in der Schule vermittelt werden und dies möglichst wiederholt.
Hier setzt dieses Seminar an und zeigt Wege auf, wie die entsprechenden Informationen im Schulalltag vermittelt werden können.
Das dritte Thema beschäftigt sich mit der Tatsache, dass Kinder mit FASD die Lehrer besonders herausfordern. Es werden deshalb die Schwierigkeiten, die SchülerInnen mit FASD im Schulalltag haben, aufgezeigt und über den Umgang damit sowie die Entlastungsmöglichkeiten informiert.

Wer hat konzeptioniert und wer die einzelnen Module für das Seminar erarbeitet/geschrieben?
Marion Meyerolbersleben: Für die Inhalte sind Dr. Gisela Bolbecher*, Dr. Heike Kramer** und Sigrid Mosé*** verantwortlich. Konzeption und Umsetzung erfolgten am Institut für Lerninnovation (FAU) durch mich.

Das Seminar ist für drei Wochen ausgelegt. Wie hoch ist der Aufwand für die Teilnehmer?
Marion Meyerolbersleben: Wie intensiv sie sich jeweils mit den Themen befassen, können die Teilnehmenden – je nach Interesse und Zeitbudget – teilweise selbst entscheiden. Wir gehen von einer Bearbeitungszeit von insgesamt 2-3 Stunden pro Woche aus.

In welcher Form findet Kommunikation statt?
Marion Meyerolbersleben: Die Module im Kurs sind multimedial unterstützt. Wir nutzen unter anderem interaktive Videos bzw. Grafiken, Audios und interaktive Aufgaben. Außerdem tauschen wir uns via Telefon und email aus.

Das Seminar ist zertifiziert – ist eine Abschlussprüfung vorgesehen?
Marion Meyerolbersleben: Über das ZfL kann ein Zertifikat für die Lehrerweiterbildung ausgestellt werden, das auch vom Zentrum für Hochschuldidaktik (DiZ) in Dillingen anerkannt ist. Bedingung ist die erfolgreiche Abgabe der drei Aufgaben zu den Modulen.

Könnten Sie sich vorstellen, die Fortbildung auf Bundesebene zu erweitern?
Marion Meyerolbersleben: Grundsätzlich ja.

Gibt es Pläne, die Fortbildung auch für Erzieher, Pflege- und Adoptiveltern, Ehrenamtliche, etc. anzubieten?
Marion Meyerolbersleben: Ja, es gibt Pläne, das Angebot für andere Zielgruppen zu erweitern. Wir wissen, dass hier sehr großer Bedarf besteht. Wie immer, spielen hier die Ressourcen eine entscheidende Rolle. Wenn wir einen Weg finden, das bisher ausnahmslos ehrenamtlich durchgeführte Online-Angebot auszuweiten und auf feste Füße zu stellen, wird es eine Erweiterung des Angebots geben.

Für wann ist der nächste Online-Kurs geplant?
Marion Meyerolbersleben: Für den Herbst 2019.

Wie war die Resonanz bisher?
Marion Meyerolbersleben: Hier ein paar Teilnehmer-Zuschriften:
• Ich habe gestern nach drei Zeugnissen eine Abwechslung gesucht… Und dann kam ich vom dritten Modul nicht mehr los. Das ist so praxisnah und ich frage mich, ob ich nicht auch schon betroffene Schüler hatte, wo das einfach nicht bekannt oder diagnostiziert war.
• Eigentlich schade das der Kurs schon zu Ende ist, hatte mich gerade daran gewöhnt in schlaflosen Nächten etwas sinnvolles zu tun). Nein, mal ernsthaft, der Kurs hat mir persönlich wirklich viel gebracht und Sie bekommen meinen höchsten Respekt für die Vorbereitung und Durchführung Es wäre schön, wenn ich ein Zertifikat zugesendet bekommen würde, kann ich dieses doch dann als “kleine Fortbildung” meinem Träger vorlegen, und auch im Kontakt mit der Schule meiner Kids belegen, dass die Infos die ich den Lehrern hin und wieder gebe, nicht aus der Luft gegriffen sind (die Lehrkräfte der Schule sind ja leider immer noch der Meinung, dass FASD nichts anders als eine verstärkte Form des ADHS sei).
• Eine interessante Fortbildung ist beendet. Es war sehr informativ und lehrreich und hat mir den Blick und das Herz für manche Situationen im Schulalltag geweitet.
• Ich empfand den Kurs als sehr hilfreich. Bei manchen Unterpunkten fiel mir die Beantwortung der Fragen und das Bearbeiten des Themas schwer – nicht aufgrund der Inhalte, sondern aufgrund der Erkenntnis, die ich persönlich gewinnen konnte in Bezug auf meine beiden Schüler, die ich in so vielen Beispielen 1 zu 1 wiederfinden konnte, und dabei zu erfahren, wie viel Druck die beiden den ganzen Tag ausgesetzt sind…. ich musste oft schlucken, wenn mir klar wurde, wie oft ich falsch gehandelt habe.
• Das gibt mir jedoch die Möglichkeit die Inhalte immer mal wieder nachzuarbeiten und die wichtigsten Infos an weitere Menschen aus dem Umfeld weiterzuleiten (Jugendamt/ Vormund/ Selbsthilfegruppe/ Behörden/ Ärzte etc.)

*Dr. Gisela Bolbecher ist Vorsitzende des Vereins FASD Netzwerk Nordbayern (www.fasd-netz.de)
**Dr. Heike Kramer von Ärztliche Gesellschaft zur Gesundheitsförderung e.V. (ÄGGF), zeichnet für Präventionsveranstaltungen in Schulen verantwortlich
***Sigrid Mosé arbeitet als Fachbereichsleitung Pflegekinderwesen im Kreisjugendamt Neustadt/Aisch-Bad Windsheim.

Autorin: Dagmar Elsen

Spielgefährten und Sport ohne Leistungsdruck

“Wer etwas erreichen will, der muss kämpferisch sein”, bringt es Heike Schöffler stellvertretend für alle Eltern mit Kindern, die das Fetale Alkoholsyndrom (FAS) haben, auf den Punkt. Sie weiß, wovon sie spricht. Sie hat selbst ein Kind mit FAS und leitet die Selbsthilfegruppe “FASD Herrenberg” in Baden-Württemberg. Hier hat sie im Laufe der Zeit von all den betroffenen Eltern mitbekommen, dass man sein Recht oft genug sogar nur mit einem Anwalt durchboxen kann.

Das liegt in der Region Herrenberg wie überall daran, dass das FAS nur wenigen Menschen ein wirklicher Begriff ist. Kaum jemand weiß um die Symptome, insbesondere die neurologischen Beeinträchtigungen, die gern als psychologische Verhaltensstörungen diagnosdiziert werden – getreu dem Motto, das wächst sich wieder aus. Im örtlichen Jugendamt bekam Heike Schöffler sogar zu hören, dass FAS eine “Modererscheinung” sei. Eine Schulbegleitung “wegen seelischer Belastung” werde einem Kind mit Autismus zugestanden, einem FAS-Kind nicht, hat Heike Schöffler die bittere Erfahrung machen müssen. Für die engagierte Mutter ein Unding.

Da es bei den 25 Mitgliedern, die Heike Schöffler derzeit in ihrer Kartei gelistet hat, niemanden gibt, der sich nicht permanent im Rechtfertigungsmodus für sein FAS-Kind befindet, tut die Gemeinschaft der Selbsthilfegruppe allen sehr gut. “Hier fühlt sich ein jeder aufgehoben und verstanden”, berichtet Heike Schöffler. Jeder weiß, wie anstrengend die Erziehung eines FAS-Kindes ist. Bei den monatlichen Treffen muss sich deshalb niemand großartig erklären. Hier tauscht man sich aus über die extremen Stimmungsschwankungen der Kinder, die belastenden Wutausbrüche, oder über die Schwierigkeiten Freundschaften zu pflegen. Alle betroffenen Eltern bekommen es am eigenen Leib zu spüren: Mit FAS-Kindern stößt man ständig auf Ablehnung oder Unverständnis.

Von sozialer Isolation sind auch die FAS-Kinder selbst bedroht. Sei es, dass sie im Kindergarten und der Schule von anderen wegen ihres Verhaltens gemieden und nicht nach Hause eingeladen werden. Sei es, dass sie im Sportverein auf Missfallen stoßen, weil sie Schwierigkeiten haben sich an die Regeln zu halten und dem Leistungsdruck nicht standhalten, einem Leistungsdruck, der für andere “völlig normal” ist.

Das Fehlen von Spielkameraden und geeigneter sportlicher Bewegung für ihre Schützlinge hat die Selbsthilfegruppe Herrenberg auf die Idee gebracht, das Projekt “Bewegung ohne Leistungsstress für Kindergarten- und Grundschulkinder mit FAS” aus der Taufe zu heben. Aufgrund persönlicher Kontakte konnte die örtliche Kindersportschule Kiss für dieses Projekt gewonnen werden. Diese steht für eine langfristige und breite motorische Grundlagenausbildung ohne frühe Spezialisierung.

Mit Beginn diesen Jahres wird ca. alle sechs Wochen samstags für zwei Stunden ein fachlich kompetenter Trainer in einer vielseitigen Bewegungslandschaft die Kinder betreuen. Die Eltern treffen sich parallel am selben Ort, besprechen Ihre Themen und sind somit auch greifbar, wenn irgendetwas aus dem Takt gerät.

Das Sportangebot hat noch einen weiteren Aspekt, berichtet Heike Schöffler: “Die Kinder der Sportgruppe lernen sich kennen mit dem Bewusstsein – da sind ja noch andere wie ich. Ich bin nicht allein. Es gibt noch andere, die besonders sind.” Nicht zuletzt bereitet das den Kindern die Möglichkeit, sich unter ihresgleichen auszutauschen.

Möglich geworden sei dieses Projekt, weil die Arbeit der Selbsthilfegruppe FASD Herrenberg über die Selbsthilfeförderung der Krankenkassen gemäß § 20h Sozialgesetzbuch V gefördert wird.

 

Die Selbsthilfegruppe

Wer ist Ansprechpartner der Selbsthilfegruppe FASD Herrenberg?

Heike Schöffler, mail: fasd-herrenberg@web.de, www.fasd-herrenberg.de

Wann und wo finden die Treffen statt?

Jeden 3. Mittwoch im Monat im Klosterhof Herrenberg, Bronngasse 13, 71083 Herrenberg

Wie sind die Treffen gestaltet?

Heike Schöffler: Zu Beginn erzählt jeder Teilnehmende von dem, was ihn derzeit beschäftigt. Daraus ergeben sich zumeist die Themen des Abends. Im Anschluss überlegen wir gemeinsam, ob wir für bestimmte Fragestellungen Referenten einladen, z.B. zum Pflegegesetz Mitarbeiter der Lebenshilfe oder Mitarbeiter der Adoptionsstelle.

Mit welchen vordringlichsten Problemen rund um das Fetale Alkoholsyndrom haben die Menschen aus Ihrer Gruppe am meisten zu kämpfen?

Heike Schöffler: Mit dem Verhalten der Kinder in der Familie, in der Schule, in der Ausbildung. Mit dem Unverständnis im persönlichen Umfeld von wegen “stellt Euch nicht so an, unsere Kinder hatten auch mal solche Phasen”, oder auch “Ihr seid einfach zu streng” und “die Kinder sind schlecht erzogen”. Immer wieder gibt es Auseinandersetzungen mit den Lehrern der Schulen, die die Probleme nicht wahrnehmen. Die Eltern fühlen sich von den Behörden (Jugendamt, Agentur für Arbeit) allein gelassen. Die Eltern müssen für alles kämpfen, sei es für den Pflegegrad oder die Schulbegleitung. Auch fehlen Ausbildungsangebote und Wohnformen für Jugendliche und junge Erwachsene.

In welchen Bereichen kann die Selbsthilfegruppe Hilfestellung geben?

Heike Schöffler: Wir als begleitende und erziehende Erwachsene wollen uns gegenseitig unterstützen und Lösungen für Probleme suchen. Wir sammeln Informationen und Material und geben das auf Anfrage weiter.*

Was vor allem fehlt an Unterstützung in Ihrem Einzugsgebiet?

Heike Schöffler: FAS-kompetente Therapeuten der verschiedenen Fachrichtungen, Fachärzte für Diagnostik und weiterführende Begleitung, Freizeitangebote für betroffene Kinder und Jugendliche, Unterstützung und Entlastung für die Eltern.

*Über die Selbsthilfegruppenförderungdie federführend von der AOK-Stuttgart-Böblingen koordiniert wird, ist so z. B. ein Aufklärungsbüchlein entstanden für Eltern, die einen Weg suchen, mit ihrem Kind über dessen Handicaps, hervorgerufen durch das Fetale Alkoholsyndrom, zu sprechen – “Jens rennt” ist sein Titel, geschrieben von Heike Schöffler und illustriert von Christiane Heinrichs.

Autorin: Dagmar Elsen

FAS – Anspruch auf Unterstützung

 

Es kommt nicht von ungefähr, dass es für das Fetale Alkoholsyndrom, obwohl es ein schweres Handicap ist, keine bundesweit einheitliche Regelung gibt. “Was, der soll schwerbehindert sein? Der sieht doch völlig normal aus und kann geradeaus sprechen.” Solche Reaktionen gehören für FAS-Betroffene zum täglichen Brot. Allerorten herrscht viel Unverständnis vor, weil die neurologischen Schäden dem Betrachter nicht sofort ins Auge stechen. Deshalb ist der Kampf um die Anerkennung der Schwerbehinderung zumeist ein anstrengender und frustrierender; jedenfalls und vor allem dann, wenn das Fetale Alkoholsyndrom nicht schon gleich nach der Geburt festgestellt worden ist, sondern erst Jahre später.

Fakt ist aber: Egal, welchen Alters der Betroffene ist, ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener – die Anerkennung einer Schwerbehinderung sollte und kann jederzeit beantragt werden. Denn wer mit derart eklatanten Defiziten im täglichen Leben zu kämpfen hat, dem steht Unterstützung zu. Dazu zählen insbesondere finanzielle Vergünstigungen, arbeitsrechtliche Vorteile wie zum Beispiel Steuerfreibeträge, zusätzlicher Urlaub und vorgezogener Rentenbezug.

In aller Regel sind die Beeinträchtigungen bei Menschen mit dem Vollbild FAS derart gravierend, dass sie die Voraussetzungen für eine Schwerbehinderung erfüllen. Diese wird bei einem Grad der Behinderung (kurz: GdB) ab 50 zuerkannt. In die Bewertung mit ein fließen die körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Auswirkungen der Handicaps.

Bei diesem Antragsverfahren wird außerdem geprüft, ob es einen Anspruch auf bestimmte “Merkzeichen” für die Inanspruchnahme von Nachteilsausgleichen gibt. Von diesen amtlichen Merkzeichen gibt es drei. Das Merkzeichen H steht für hilflos. Das ist dann der Fall, wenn die Person im Alltag ständig fremde Hilfe benötigt. Das gilt auch dann, wenn der Betroffene zwar alleine Arbeiten verrichten kann, aber nicht ohne Anleitung oder Überwachung. Das Merkzeichen G wird Personen zuerkannt, die zum Beispiel nicht in der Lage sind, sich alleine im öffentlichen Verkehr zu orientieren, sich gegebenenfalls selbst oder andere gefährden. Das Merkzeichen B wird all jenen zuerkannt, die eine Begleitperson brauchen, um mit dem Bus oder der Bahn zu fahren. Das gilt auch für den Fall, dass der Betroffene durchaus in der Lage ist, einen Routineweg alleine zurückzulegen, aber sofort überfordert ist, wenn Abweichungen der Routine eintreten. Auch die FAS-typische mangelhafte Impulsteuerung ist ein Argument für das Merkmal B.

Wo der Antrag zu stellen ist? Beim Versorgungsamt des Bezirkes, in dem der Betroffene seinen Wohnort hat.

Und noch ein wichtiger Hinweis: Um bei der Beantragung erfolgreich zu sein, ist angeraten, abgesehen von den üblichen und auch notwendigen ärztlichen Begleitschreiben der behandelnden Haus- und Kinderärzte sowie Therapeuten, ein fachärztlich fundiertes Gutachten anfertigen zu lassen. Von Vorteil ist obendrein ein Begleitschreiben, das das Fetale Alkoholsyndrom und seine Auswirkungen erklärt.

Unterstützung gibt es auch bei der Pflege des FAS-Kindes, wenn eine Pflegebedürftigkeit vorliegt. Die Eltern können die Pflegestufe und damit das Pflegegeld über die zuständige Krankenkasse beantragen. Im Rahmen der sogenannten Frühförderung können außerdem weitere Leistungen wie Hilfs- und Heilmittel oder häusliche Krankenpflege im Rahmen eines persönlichen Budgets beantragt werden.

Zusätzlich zu den medizinischen und therapeutischen Behandlungen stellt sich nicht zuletzt für die Kita- und Grundschulzeit die Frage der besonderen pädagogischen Unterstützung des Kindes. Sie kann über die sogenannte Eingliederungshilfe geltend gemacht werden.

Wichtig ist grundsätzlich, dass die ErzieherInnen und LehrerInnen, sowie das engere Umfeld des Kindes so schnell und so umfassend wie möglich mit der Diagnose vertraut gemacht werden. Gegebenenfalls ist auch das Jugendamt hinzuzuziehen. In Absprache zwischen den Erziehungsberechtigten, den Lehrern und, falls notwendig, dem Jugendamt, kann die Schule beim staatlichen Schulamt eine Inklusion beantragen.

Darüber hinaus gibt es mit Unterstützung des Jugendamtes die Möglichkeit, sogenannte Eingliederungsleistungen zu beanspruchen. Zu diesen Leistungen zählt die Begleitung auf dem Schulweg, Hausaufgabenbetreuung und Freizeitgestaltung. Sie werden gewährt bei seelischer, körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung.

Informativ: Von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung gibt es zu all diesen Themen eine ausführliche Broschüre: Die Fetale Alkoholspektrumsstörung – Die wichtigsten Fragen der sozialrechtlichen Praxis (www.drogenbeauftragte.de)

Autorin: Dagmar Elsen

Selbsthilfegruppe Wetzlar: Der sehnliche Wunsch verstanden zu werden, führt sie zusammen

Das Fetale Alkoholsyndrom ist ein Handicap, dessen Anerkennung in Deutschland weder gesetzlich einheitlich geregelt ist, noch von der breiten Gesellschaft wahrgenommen, geschweige denn angenommen wird. FAS-Betroffene und ihre Familien rutschen deshalb nur allzuoft in die soziale Isolation. Es ist ein Leben mit Unsicherheiten und Ängsten, mit denen sie sich alleine fühlen. Ratlosigkeit herrscht vor, wie und wo man Hilfe und Unterstützung finden kann. Um positiv und ermutigend füreinander da zu sein, durch das Wir-Gefühl Mut zu machen und um Hilfsangebote zu vermitteln, gründeten sich in den vergangenen Jahren viele Selbsthilfegruppen.

Eine dieser Selbsthilfegruppen leitet Gabi Schwinn, selbst Mutter einer Tochter mit FAS. Sie ist außerdem Heilpädagogin und arbeitet bei der Suchthilfe Wetzlar. Dort ist sie unter anderem für FAS-Präventionsarbeit an den Schulen Wetzlars und des Lahn-Dill-Kreises zuständig.

Wann und von wem ist die Selbsthilfegruppe gegründet worden?

Gabi Schwinn: Zusammen mit dem leiblichen Vater eines Kindes mit FAS habe ich die Selbsthilfegruppe 2015 gegründet. Dieser ist inzwischen verzogen. Eine Zeit lang gab es nach einem vielversprechenden Start fast ein Jahr lang eine „Durststrecke“. Seit einiger Zeit haben wir einen festen Stamm von elf Mitgliedern aus dem Einzugsgebiet von Marburg über Dillenburg bis nach Weilburg. Ein Mitglied ist auch wieder leiblicher Vater eines FAS-Kindes. Leibliche Mütter sind selten, weil die Scham vor dem Schuldeingeständnis groß ist. Deswegen sind vor allem Pflege- und Adoptiveltern mit von der Partie.

Wer ist eingeladen, zur Selbsthilfegruppe hinzu zukommen?

Gabi Schwinn: Alle Menschen die vom Fetalen Alkoholsyndromin irgendeiner Form betroffen oder damit konfrontiert sind.

Was hat den Anstoß gegeben, die Selbsthilfegruppe zu gründen?

Gabi Schwinn: Der Wunsch nach Austausch, weil FASD eine Herausforderung ist. Hilfe muss man meist selbst organisieren. Das betrifft unter anderem die Beantragung eines Behindertenausweises, die Suche und das Finden geeigneter ärztlicher Anbindung, geeigneter Einrichtungen, wenn es zu Hause nicht mehr geht, und die Entscheidung für die richtige Schulform.

Wie gestalten Sie diese Treffen?

Gabi Schwinn: Wir haben ein Zeitfenster von zwei Stunden. Wir sitzen zusammen, es gibt etwas zu trinken und kleine Snacks.

Setzen Sie Themen oder lassen die dem Treffen freien Lauf?

Gabi Schwinn: Inzwischen haben wir feste Themen – beim letzten Treffen war meine Tochter dabei und hat den Eltern von jüngeren Kindern erzählt, z.B. wie es sich anfühlt als Betroffene mit FASD zu leben. Das nächste Mal wird es darum gehenwie Eltern es schaffen sich besser abzugrenzen.

Was sind die vorwiegenden Gründe der Menschen, die die Selbsthilfegruppe aufsuchen?

Gabi Schwinn: Häufig die anfängliche Unwissenheit über FASD und der Wunsch nach „Verstandenwerden“.

Mit welchen vordringlichsten Problemen rund um FAS haben die Menschen aus ihrer Gruppe am meisten zu kämpfen?

Gabi Schwinn: Das Unverständnis und die mangelnde Bereitschaft der Umwelt – vor allem Lehrer- sich mit dem Verhalten der Betroffenen auseinanderzusetzen. Und das bezieht sich auf Lehrer aller Bildungseinrichtungen. Es ist eben eine Frage der Haltung. Um ein Beispiel zu nennen: Meine Tochter war auf der Schulfür geistige Entwicklung nach Meinung der Lehrerin nicht beschulbar und sollte täglich früher abgeholt werden. Ein Lehrerwechsel änderte alles. Inzwischen managt sie sogar ganz allein jeden Donnerstag die Schulbibliothek.

FAS ist Menschen schwer zu vermitteln, wenn diese nicht verstehen wollen, dass FAS nicht “weg-zu-erziehen” geht. Dem Spagat, den Betroffenen gerecht zu werden, gleichzeitig nicht alle Regeln aufzuweichen, benötigt Gelassenheit, Kreativität und die Bereitschaft, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die nicht ins übliche Schema passen.

In welchen Bereichen können Sie Hilfestellung geben?

Gabi Schwinn: Anlaufstellen nennen, Basisinformationen geben, Verständnis zeigen

Wo treffen Sie sich?

Gabi Schwinn: In den Räumen der Suchthilfe Wetzlar e.V., die uns kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Wie oft finden die Treffen statt?

Gabi Schwinn: Ein Mal im Monat in der Regel den zweiten Dienstag um 19.30 Uhr. Es gibt aber durch Ferien und Feiertage immer mal wieder Abweichungen. Deshalb macht es Sinn, sich vorher zu informieren. Wir legen die Termine stets zu Beginn des Jahres fest.

Wer gerne zur Selbsthilfegruppe Wetzlar hinzu kommen möchte, kann sich per email an Gabi Schwinn wenden: gabriele_schwinn@t-online.de

Autorin: Dagmar Elsen

Damit die Eltern nicht auf der Strecke bleiben

Vor allem Eltern und Geschwister von FAS-Kindern stoßen im täglichen Leben immer wieder, und das leider sehr oft, an ihre Belastungsgrenzen, das beeinträchtigt ihr Seelenheil. Deshalb ist es unabdingbar, dass ein jeder sich Freiräume sucht, die enormen physischen und psychischen Anforderungen zu kompensieren.

Das kann im Sport, in der Musik oder Kunst sein, durch Gespräche mit guten Freunden oder Menschen, die auch ein FAS-Schützling in ihrer Familie haben. Auch hin und wieder freie Tage, allein oder mit dem Partner, zumindest ohne den FAS-Schützling, sollten immer mal wieder im Terminkalender stehen. Zu guter letzt sollte man sich auch nicht scheuen, psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Von großer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang ebenso die vielen Elterninitiativen und Selbsthilfegruppen, die es über Deutschland verteilt inzwischen gibt. Hier lassen sich Erfahrungen austauschen, Ratschläge einholen, weitere Kontakte knüpfen, eigene Kompetenzen im Umgang mit dem Schicksal FAS durch den Austausch und die Unterstützung anderer Betroffener stärken.

Eine Liste der Selbsthilfegruppen und Elterninitiativen in Deutschland findet sich auf der Homepage des Vereins FASD-Deutschland: www.fasd-deutschland.de

Autorin: Dagmar Elsen