ADHS – überwiegend angeboren und das lebenslang
In der ZEIT-Ausgabe vom 7. August 2025 liefert der renommierte US-Psychiater Stephen Faraone ein bemerkenswertes Interview über den aktuellen Stand der ADHS-Forschung. Unter dem Titel „ADHS verschwindet nicht einfach“ spricht er als Wissenschaftler – und als Vater eines betroffenen Sohnes – über Ursachen, Behandlungsoptionen und gesellschaftliche Fehlannahmen rund um die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.
ADHS ist größtenteils genetisch bedingt – und keine Frage von Erziehung
Ein zentrales Missverständnis, das Faraone klarstellt, ist die Annahme, ADHS sei eine Folge schlechter Erziehung oder übermäßiger Mediennutzung. Das Gegenteil ist der Fall: Rund 80 Prozent der Ursachen sind genetisch bedingt, ADHS ist also in der überwiegenden Mehrzahl angeboren. Nur etwa 20 Prozent lassen sich auf Umweltfaktoren zurückführen – diese wirken primär im frühkindlichen Alter, beispielsweise durch Belastungen in der Schwangerschaft, Frühgeburtlichkeit oder schwere Bindungsstörungen.
Diese Einordnung ist entscheidend, um Stigmatisierungen zu vermeiden. Wenn Eltern sich selbst oder anderen die Schuld für die Diagnose geben, entsteht zusätzlicher Druck – oft mit negativen Folgen für alle Beteiligten.
ADHS „verwächst“ sich nicht
Faraone widerspricht auch der verbreiteten Vorstellung, ADHS sei ein temporäres Phänomen, das sich „auswächst“. Zwar verändern sich die Symptome mit dem Alter – Hyperaktivität etwa tritt im Erwachsenenalter häufig in den Hintergrund – doch die Kernproblematik bleibt meist bestehen. Zwei Drittel der betroffenen Kinder haben auch als Erwachsene noch klinisch relevante Symptome.
Die Vorstellung, man könne ADHS einfach „durchhalten“ oder „wegtrainieren“, ist deshalb nicht nur falsch, sondern gefährlich. Sie verhindert frühzeitige Intervention und kann zu schulischen, beruflichen und psychischen Folgeproblemen führen.
Medikamente helfen – aber sie sind kein Allheilmittel
Faraone plädiert für einen ausgewogenen Umgang mit medikamentöser Behandlung. Stimulanzien wie Methylphenidat oder Amphetaminpräparate zeigen in Studien deutliche und stabile Effekte – allerdings wirken sie nicht bei allen gleich. Medikamente sind sinnvoll, wenn sie in ein umfassendes Behandlungskonzept eingebettet sind: Psychoedukation, Verhaltenstherapie und familiäre Unterstützung sind unverzichtbar.
Vorbehalte gegenüber Medikamenten seien nachvollziehbar, aber oft emotional aufgeladen. Wer sich gegen eine wirksame Behandlung entscheidet, riskiert langfristige Einschränkungen in Bildung, Beruf, Selbstwert und sozialem Leben.
Familien im Fokus: Zwischen Überforderung und Chancen
ADHS betrifft nie nur das betroffene Kind – sondern das gesamte Familiensystem. Faraone betont, wie wichtig es ist, Eltern zu entlasten und gleichzeitig zu befähigen. Gut informierte Eltern können Verhaltensauffälligkeiten besser einordnen, ihre Kinder gezielter unterstützen – und sich selbst wirksam gegen Schuldzuweisungen abgrenzen.
Fazit: ADHS ist real, komplex – und behandelbar
Der Beitrag in der ZEIT ist ein eindrucksvolles Plädoyer für mehr Differenzierung, wissenschaftliche Aufklärung und gesellschaftliche Empathie. ADHS verschwindet nicht einfach – aber es lässt sich verstehen und behandeln, wenn man bereit ist, die Realität anzuerkennen: ADHS ist in den meisten Fällen angeboren, nicht selbstverschuldet – und eine Herausforderung, die lebenslang begleitet, aber nicht dominieren muss.
Quelle: ZEIT Nr. 33, 7. August 2025, Ressort „Wissen/Gesundheit“ – Interview mit Prof. Stephen Faraone



