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Corona-Homeschool-Irrsinn endet mit Kindeswohlanzeige

Man nehme eines der ungezählten fetal alkoholgeschädigten Kinder, das in Zeiten von Corona am Rad dreht. Am Rad dreht, weil nichts mehr so ist, wie es das gewohnt war, was aber doch so wichtig für es ist – ein täglicher Rhythmus mit festen Abläufen. Nehmen wir und nennen wir dieses Kind Ben*. Ben ist 14 Jahre alt. Von einem auf den anderen Tag sind ihm sämtliche Strukturen weggebrochen, gibt es gefühlt 1000 Verbote, kaum Freizeitgestaltung, soziale Kontakte nur noch auf die engste Familie begrenzt. Nicht mal den Opa drei Straßen weiter darf er besuchen.

Bis dato war für Ben immer klar gewesen: Schule ist Schule und Zuhause ist Zuhause. Und plötzlich, da gibt es keine Schule mehr, da soll er Zuhause Schule machen. Lehrer gibt es nicht mehr. Nur noch Arbeitsblätter. Jetzt sollen Mama und Papa unterrichten. Nicht einmal mehr die tägliche Schulbegleiterin**, die nur ein paar Straßen weiter wohnt und so wichtig für ihn war, darf noch zu ihm nach Hause kommen.

Was soll das alles, fragt sich Ben? Er begreift es nicht. Ben geht in die 7. Klasse einer inklusiven Privatschule für emotionale und soziale Entwicklung. Aufgrund seiner eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten macht diese Situation nur eines mit ihm: Sie macht ihn unsicher, durcheinander, frustriert und wütend.

Ben rebelliert. Seine Motivation, auch nur irgendetwas zu lernen, was ihn sowieso immens anstrengt, grenzt an Null. “Es bringt doch nichts, ihn ständig zu zwingen”, klagen seine Eltern. Und ohne Spaß zu lernen bringe auch nichts, weil nichts hängen bleibe – alte Jacke. Also Anruf bei der Schulpädagogin: Schule zu Hause funktioniert nicht. Wir müssen dringend Druck rausnehmen. Was ist mit der Schulbegleiterin?

Die Schule gibt sich zunächst sperrig. Arbeiten die Schulbegleiter überhaupt noch? Werden die noch bezahlt? Dürfen die nach Hause kommen, trotz Kontaktsperre? Tja, es gibt keine einheitlichen Regelungen. Jede Schule, jeder Landkreis, jede Stadt macht es anders. Viele haben die Schulbegleiter quasi entlassen, also nicht mehr bezahlt, weil die Schulen ja geschlossen seien und begründen damit den nicht mehr möglichen Einsatz. Komisch nur, da Schulbegleiter per Schuljahr budgetiert werden – Geld wäre also vorhanden.

Nun, die Hartnäckigkeit von Ben’s Pflegeeltern führt immerhin zu einem Deal mit der Förderschule: Da die Schulbegleiterin im Ort wohnt, man mit ihr privat befreundet ist, geht Ben dreimal die Woche für drei Stunden zu ihr. Und Ben? Der fragt: “Wieso darf ich zur Schulbegleiterin gehen, aber nicht zu Opa? Der wohnt genauso nah, nur in die andere Richtung? Und außerdem macht die einen Unterricht, den ich eh nicht verstehe!” Renitenz liegt schon in der Luft.

Pflegeeltern wie Schulbegleiterin geben ihr Bestes, Ben zu motivieren, frohlocken mal mit längeren Fernsehzeiten, mal mit Picknick, mal mit einem Geschenk. Auf Dauer hilft aber alles nichts und schon gar nicht für Aufgaben aus dem Unterrichtsstoff der 7. Klasse, die Ben sowieso schon seit geraumer Zeit überfordern. Die Pflegeltern ziehen die Notbremse. Ben bekommt Lernübungshefte der Jahrgänge vier, fünf und sechs und löst Aufgaben, wenn er sich anschickt, genügend Konzentration und Motivation zu haben. “Da kam nicht sehr viel”, sagt seine Pflegemutter Isabell*.

Dann der Gau. Ben knackt in einem unbeobachteten Moment bei seiner Schulbegleiterin das Internet und bestellt ein Shooterspiel ab 18 Jahren. Die Schulbegleiterin weiß, dass Ben so etwas nicht zum ersten Mal gemacht hat. Sie entscheidet: Ben darf nicht mehr kommen und meldet der Förderschule massive Probleme mit dem Jungen; auch für Zuhause. Ohne die Pflegeeltern einzuweihen wird beschlossen, dass der Junge sich zu einem letzten Gespräch bei der Schulbegleiterin einfindet, bei dem er sich entschuldigen und bei dem die Schulbegleiterin sich bei ihm über die häusliche Situation ein Bild machen soll.

Und was macht Ben? Ben packt den ganzen Frust der letzten Wochen aus und haut ordentlich auf die Pfanne. Klassische Momentaufnahme eines pubertierenden FAS-Jugendlichen: Alles beschissen, nur noch Stress zu Hause, eine permanent schreiende Mutter, niemand interessiert sich für ihn, das Leben ist langweilig, am liebsten abhauen wollen – das volle Programm. Eine halbe Stunde später zu Hause ist alles schon wieder vergessen, ist sein Leben schön und schick, wie er seiner Pflegemutter freudestrahlend erzählt. Als Ben erfährt, was daraus gestrickt wird, ist er zutiefst entsetzt. Das habe er nicht gewollt und so schlimm sei es doch gar nicht.

Zu spät, das Blatt noch zu wenden. Das Gesprächsprotokoll der Schulbegleiterin ist längst an die Schule gemailt. Und es flattert umgehend eine Anzeige der Schule wegen Kindeswohlgefährdung ins Haus. Erst fließen Tränen bei der Pflegemutter. Dann geht sie in die Offensive und ruft beim Jugendamt an. Die Reaktion der Sozialarbeiterin ist eine Wohltat. “Die rief ins Telefon: Sind die irre?”, erzählt die Pflegemutter, “und beruhigte mich, dass niemand das Kind aus der Familie nehmen würde. Die Anzeige käme nur in die Akten. Alle wüssten, welch gute Arbeit die Pflegeeltern leisteten.” Ben’s Eltern schreiben dennoch eine dreiseitige Stellungnahme. “Es ist übrigens eine Frechheit, dass man uns von der Schule dazu überhaupt nicht angehört hat. Und Ben haben sie sechs Wochen nicht mehr gesehen”, regt sich die Pflegemutter auf. Nach einem Telefonat mit der Leipziger FAS-Expertin Heike Hoff-Emden, beherzigen sie den Ratschlag, einen Antrag auf Notbetreuung in der Schule zu stellen. Denn wenn die dort meinten, die Pflegeeltern seien pädadogisch inkompetent, dann müsste ja dafür gesorgt werden, dass sie angemessene Unterstützung bekommen.

Zwei Wochen erfolgt keine Reaktion, dann kommt ein Brief mit dem Hinweis, eine Notbetreuung falle nicht in den Zuständigkeitsbereich der Schule. Man solle sich doch bitte an das Jugendamt wenden. Da Ben zum 31. Juli sowieso in eine andere Einrichtung wechsele, wünsche man vor allem für den weiteren Werdegang des Pflegejungen alles Gute.

Fazit von Ben’s Familie: “Die haben die Hühner aus dem Haus getrieben mit null Konsequenzen.”

*Namen sind auf Wunsch geändert

**Anspruch auf eine Schulbegleitung haben Kinder mit körperlichen und/oder geistigen Beeinträchtigungen, außerdem Kinder mit seelschen Behinderungen, oder wenn sie davon bedroht sind. Der Antrag ist beim Jugendamt, respektive dem Sozialamt zu stellen.

Autorin: Dagmar Elsen

Maßgeschneidert und Unkonventionell

“It needs a village to raise a child”, hat schon immer meine englische Klassenlehrerin in der Montessori-Schule gesagt. Sie und meine Mutter waren immer im ganz engen Austausch miteinander und den anderen Lehrern und anderen Eltern, mit deren Kindern ich befreundet war. Nicht viel anders ist es in der Q+B-Maßnahme*, in der ich in einem Pflegeheim arbeite. Die Pflegedienstleiterin, die Leiterin der Q+B-Maßnahme, mein Intensivbetreuer der Wohngruppe und meine Mutter sind im permanenten Austausch.

Manchmal geht mir das auf den Wecker, weil ich das Gefühl habe, dass ich ständig überwacht bin. Ich bin doch kein kleines Kind mehr. Schließlich werde ich in diesem Jahr schon 18 Jahre alt. Aber Mama sagt immer, dass das daran liegt, dass die wenigsten Menschen über das Fetale Alkoholsyndrom Bescheid wissen. Und dass es so wahnsinnig viele Auswirkungen gibt, dass jeder Betroffene mit anderen Beeinträchtigungen zu kämpfen hat. Man kann also nicht von dem einen auf den anderen schließen.

Das stimmt. Und es hat bei meinen Kollegen hier lange gedauert, bis sie mich verstanden haben. Immer wieder kam es zu Situationen, die zu Missverständnissen geführt haben. Ein Beispiel: Ich habe einen festen Plan mit festen Zeiten für meinen Arbeitstag. Anhand von Zetteln arbeite ich die Aufgaben ab. Das macht es mir möglich, komplett selbständig zu arbeiten. Das gefällt mir. Nur, wenn ich zwischen diesen Aufgaben immer wieder kurzfristig gerufen werde etwas anderes zu erledigen, dann komme ich durcheinander. Es passiert, dass ich vergesse, was ich vorher gemacht habe, wie weit ich war, etc. Das stresst mich. Und wie das typisch für mich ist, wehre ich mich nicht, ich sage nichts. Ich kann es einfach nicht. Also finde ich für mich eine Lösung. Ich schließe mich in dem Zimmer, in dem ich gerade meine Arbeiten zu erledigen habe, ein. So kann ich in Ruhe meine Aufgaben erledigen. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass die anderen das komisch finden würden und sich wundern, was ich denn da im Zimmer treibe.

Ein anderes Beispiel: Die Bewohner im Heim sind nicht immer guter Laune. Manchmal sind sie so schlimm drauf, dass sie mich beschimpfen und beleidigen, so sehr, dass ich wütend werde. Ich spüre, wie in mir dieses Gefühl aufsteigt, dass ich bald die Kontrolle verliere. Um mich wieder in den Griff zu bekommen, habe ich gelernt wegzugehen, mich mit Musik oder rumlaufen abzulenken. Naja, und dann flüchte ich mich oft in den Umkleideraum und vergesse dort die Zeit, weil ich kein Zeitgefühl habe. Dann sitze ich dort gefühlt maximal zehn Minuten, in Wahrheit sind es locker zwanzig. Tja, und alle denken, ich habe keine Lust zu arbeiten, ich würde schwänzen.

Solche Sachen erzähle ich immer meiner Mutter. Die hat sich bisher mit den anderen ausgetauscht und erklärt. Jetzt soll ich aber lernen mich alleine zu verständigen. Deshalb mache ich jeden Freitag mit einer Kollegin eine Kaffeepause, während der wir über die Arbeit sprechen. Anfangs war mir das nicht möglich, weil mir alle noch zu fremd waren. Inzwischen geht es immer besser.

Überhaupt geht alles immer besser. Ich arbeite ja inzwischen schon 35 Stunden die Woche. Anfangs hatte ich noch Sorge, ob ich das schaffe. Aber es fiel mir tatsächlich gar nicht schwer. Ich fühle mich so wohl dort, dass ich gerne zur Arbeit gehe. Ich habe keine Probleme mit Motivation. Ich habe noch nie einen Gedanken daran verschwendet abzubrechen. Ich werde auch viel gelobt für meine Arbeit. Das gibt mir ein gutes Gefühl.

Jetzt hat mir die Einrichtungsleitung sogar gesagt, dass sie mich gerne behalten wollen. Ich soll eine auf mich zugeschnittene feste Stelle bekommen. Mama sagt, dass das ein Novum ist. Denn ich habe ja keine Ausbildung und der Job wird ganz auf meine Fähigkeiten ausgerichtet. Ich freue mich wahnsinnig darauf. Denn dann bekomme ich ja auch Geld für meine Arbeit und kann für mich alleine sorgen.

 

Die Geschichte von Luca ist ein Paradebeispiel für gelungene Inklusion. Eine unkonventionelle Inklusion, wie sie von Martin Sonnenschein, Unternehmensberater und Vater dreier Söhne, einer davon behindert, in der Wochenzeitung Die Zeit vom 28.03.2019, gefordert wird:

“Wer inklusive Arbeitsplätze schaffen will, muss bereit sein, sich auf sehr individuelle Bedürfnisse einzulassen. Diese Bereitschaft ist bisher wenig ausgeprägt, auch wenn gerade die Betriebsräte und Gewerkschaften sehr engagiert dabei sind.Wir brauchen einen funktionsfähigen Arbeitsmarkt, neue Jobprofile, Vorbilder.Die Jobs für behinderte Menschen müssen kreiert werden, die gibt es nicht einfach so. Sie müssen zur Behinderung passen. Es gibt so viele verschiedene Behinderungen, dass man Jobs nur schaffen kann, wenn man erkennt, was der konkrete Bewerber wirklich braucht. Das ist eine Herangehensweise, die Unternehmen nicht gewohnt sind.

Nehmen wir an, ein junger Mensch mit leichten geistigen Einschränkungen möchte in einem Hotel eine Ausbildung machen. Er müsste nicht, wie es bei allen anderen Auszubildenden gehandhabt wird, sämtliche Stationen wie Rezeption, Restaurant, Room-Keeping oder Bankett durchlaufen. Man sollte besser von Beginn an überlegen, welche Arbeit er mit seinen Fähigkeiten gut ausüben kann, und ihn dann konkret dafür ausbilden, auch wenn das von der Regel abweicht.”

*Q+B-Maßnahme: In vielen Bundesländern in Deutschland wird die “Förderung der sozialen Inklusion und Bekämpfung der Armut und jeglicher Diskriminierung” (Art. 9 Abs. 1 Nr. 9 der Verordnung (EU) Nr. 1303/2013) in Anspruch genommen. Im Vordergrund steht die Erweiterung des Berufswahlspektrums für eine Ausbildung oder Arbeit. Das heißt im Klartext, dass den Probanden die Möglichkeit gegeben wird, die eigenen Stärken und Fähigkeiten zu erkennen, indem verschiedene Berufsfelder im zumutbaren Modus erprobt werden können. Das Gute ist, dass die Stabilisierung der Persönlichkeit der Q+B-Teilnehmer intensiv sozialpädagogisch begleitet wird. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit, die Maßnahme sehr individuell zu gestalten. Dies hinsichtlich der zeitlichen sowie der mentalen Belastbarkeit und auch der Entscheidung, wann und ob ein berufsschulbildender Einsatz Sinn macht.

Autorin: Dagmar Elsen

 

Nach der Schule ins rettende Q+B-Projekt

Schule vorbei – was nun? Interessen hatte ich immer schon viele. Schon als Kind habe ich mich für viele verschiedene Berufe begeistern können. Tierpfleger war dabei, Schauspieler, Motorradrennfahrer und Feuerwehrmann. Besonders hoch im Kurs stand Forscher oder Arzt. Als “Dr. Klein” im weißen Kittel, bewaffnet mit meinem Arztkoffer, habe ich von meiner Omi über den Hund, meinen Bruder bis hin zu den Kröten am Teich jeden untersucht und verarztet, der mir nur in die Quere kam. Aber ohne Hauptschulabschluss in der Tasche und dem Wissen, dass Schule für mich das pure Disaster ist, war guter Rat teuer. In der Behindertenwerkstatt, in der ich Schulpraktika im Handwerksbereich gemacht hatte, fühlte ich mich überhaupt nicht wohl. Die Aufgaben waren auf Dauer eintönig und ich habe mich schnell gelangweilt. In irgendeinem Betrieb einen Aushilfsjob annehmen, das kam auch nicht in Frage.

Die Rettung für mich war der Vorschlag, im Rahmen des Q+B-Projektes* arbeiten zu gehen. Ich entschied mich für die Arbeit im Pflegebereich. Ich hatte während der Schulzeit schon zweimal ein Praktikum in einem Altenwohnheim gemacht. Das hatte mir Spaß gemacht.

Letzten Sommer habe ich in einem Pflegeheim angefangen, in dem Menschen mit psychischen Problemen leben. Das gefällt mir sehr, ich fühle mich richtig wohl, konnte von Anfang an sehr viel, habe auch schon eine Menge dazugelernt, ich schwänze nie und es kam mir noch nie in den Sinn das Ganze abbrechen zu wollen. Das ist ein gutes Zeichen, denn wenn man FAS hat, dann hat man auch Probleme mit dem Durchhalten.

Für die erste Zeit, zum Einarbeiten und Eingewöhnen, bin ich für den hauswirtschaftlichen Bereich eingeteilt worden. Die ersten Monate habe ich nur vier Stunden täglich gearbeitet. Ich war zwar der festen Überzeugung, dass ich locker acht Stunden würde durchhalten können, da mir die Abläufe in einem Pflegeheim schon vertraut waren. Aber meine Mama war strikt dagegen. Sie sagte, dass viel Neues auf mich zukommen würde. Neues ist immer anstrengend für mich. Und da ich eh große Probleme mit der Konzentration habe, bin ich schnell überfordert.

Sie hatte recht, das muss ich zugeben. Es lief ja auch nicht alles glatt in den ersten Wochen. Das Schlimmste war, dass die Teamkollegen und Bewohner dort alle dachten, dass ich “normal” bin. Erstens sieht man mir ja kein Handicap an. Zweitens konnte ich problemlos all die Arbeiten ausführen, die ich aufgetragen bekam. Meine Stationsleiterin war begeistert. Sie fragte mich schon nach den ersten Tagen, ob ich nicht länger arbeiten könnte und auch im Schichtwechsel. Mama schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als ich ihr stolz davon erzählte.

Einerseits tat die Anerkennung ja gut. Andererseits bekam ich unentwegt neue Aufträge, oft genug zwischen Tür und Angel, was ich zwischendurch schnell mal noch tun sollte. Ich war unentwegt am Rennen, vergaß dann auf den Wegen, welche Arbeit ich gerade getan hatte und fortsetzen müsste, wenn ich von dem neuen Auftrag zurückgekommen war. Ich sagte aber nichts, da ich so Angst hatte, dass man mich dann vielleicht rausschmeißen würde. In meiner Not habe ich mich einmal sogar in ein Zimmer eingeschlossen, damit mich keiner stören konnte, bis ich alle Wäsche zusammen gelegt hatte.

Weil ich alles so gut konnte, sollte ich auch gleich schon Patientenbegleitung zum Arzt übernehmen. Tja und dann standen wir vor der Praxis und der Mann weigerte sich reinzugehen. Er wollte, dass ich ein Taxi bestelle und mit ihm zurückfahre. Ich hatte gar kein Geld dafür. Und er war nicht zu beruhigen. In meiner Not rief ich meine Mutter an. Sie regelte die Situation und versprach mir, mit der Leiterin des Q+B-Projektes zu reden. Seitdem gibt es einen festen Tages- und Wochenplan für mich, in dem meine Arbeiten festgelegt sind und den ich abarbeite. Ich habe einen Bewohner zugeteilt bekommen, um den ich mich täglich kümmere. Wenn es Probleme gibt, dann habe ich einen Tutor, an den ich mich wenden kann. Sobald alles routiniert und gut läuft, bekomme ich mehr Aufgaben und mehr Verantwortung.

Inzwischen arbeite ich nicht mehr täglich vier, sondern sechs Stunden. Anfangs hatte ich ein bisschen Bammel, ob ich das schaffe. Aber es funktioniert ohne Probleme. Nun gehe ich die nächste Steigerung an: Ich werde zweimal im Monat an einem Samstag arbeiten. So soll das immer wieder gesteigert werden, bis ich bei acht Stunden bin und auch einen kompletten Wochenenddienst übernehmen kann. Wenn ich 18 Jahre bin, dann darf ich auch im Spätdienst arbeiten.

Die Arbeit in der Pflege mache ich deshalb so gerne, weil ich viel selbstständig arbeiten kann, weil es neben Routine auch viele andere unterschiedliche Aufgaben zu erledigen gibt. Und weil die Menschen sich freuen, dass ich da bin und ihnen helfe. Klar, habe ich auch manchmal Stress mit Bewohnern, weil die schlechte Laune haben und mich anschreien und böse Sachen sagen. Aber ich lerne immer besser damit umzugehen, weil ich außerdem weiß wie das ist, wenn der Kopf außer Kontrolle gerät.

 

*Qualifizierung und Beschäftigung junger Menschen (Q+B) – ein Projekt des Europäischen Sozialfonds

FAS-Betroffene sind in ihrer Entwicklung mit Jugendlichen ihres Alters nicht vergleichbar. Durchschnittlich wird davon ausgegangen, dass ein FAS-Betroffener den Entwicklungsstand eines 18jährigen erst mit 25 Jahren erreicht hat. Das bedeutet, dass vom FAS betroffene Schulabgänger allein hinsichtlich dieses Aspekts noch nicht in der Lage sind, eine Ausbildung erfolgreich zu absolvieren.

Die Q+B-Maßnahme der EU ist ein Projekt, das ideal ist für Menschen mit dem Fetalen Alkoholsyndrom, weil es ihnen Zeit gewährt, die sozialen und beruflichen Kompetenzen auszutesten und zu formen.

In vielen Bundesländern in Deutschland wird die “Förderung der sozialen Inklusion und Bekämpfung der Armut und jeglicher Diskriminierung” (Art. 9 Abs. 1 Nr. 9 der Verordnung (EU) Nr. 1303/2013) in Anspruch genommen. Im Vordergrund steht die Erweiterung des Berufswahlspektrums für eine Ausbildung oder Arbeit. Das heißt im Klartext, dass den Probanden die Möglichkeit gegeben wird, die eigenen Stärken und Fähigkeiten zu erkennen, indem verschiedene Berufsfelder im zumutbaren Modus erprobt werden können. Das Gute ist, dass die Stabilisierung der Persönlichkeit der Q+B-Teilnehmer intensiv sozialpädagogisch begleitet wird. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit, die Maßnahme sehr individuell zu gestalten. Dies hinsichtlich der zeitlichen sowie der mentalen Belastbarkeit und auch der Entscheidung, wann ein berufsschulbildender Einsatz Sinn macht.

Die Q+B-Maßnahme empfiehlt sich, im Rahmen der Beratungen mit der Agentur für Arbeit anzusprechen.

Natürlich ist bei der Q+B-Maßnahme wie sonst auch vonnöten, dass sich Eltern und/oder Betreuer der FAS-Schützlinge aktiv an der Maßnahme beteiligen, da das Fetale Alkoholsyndrom mit seinen Auswirkungen nicht überall als bekannt vorausgesetzt werden darf. Ein enger Austausch mit dem die Maßnahme betreuenden Pädagogen ist unabdingbar.

Autorin: Dagmar Elsen

SCHULE – EIN ELENDER KAMPF

Ich bin so froh, nicht mehr in die Schule gehen zu müssen. Die letzten Jahre in der Schule habe ich gehasst. Es war ein einziger, elender Kampf, den ich nicht gewonnen habe. Lange hatte ich geglaubt, dass ich schaffe, was ich mir vorgenommen hatte – einen qualifizierten Abschluss mit Englisch zu machen.

An Ehrgeiz hat es mir nicht gefehlt. Als ich das Abschlusszeugnis der zweisprachigen Montessori-Grundschule in den Händen hielt, war ich noch guter Dinge. Ich hatte ganz ordentliche Noten, sprach fließend Englisch, las sogar lieber englische als deutsche Bücher. Nur beim Schreiben hatte ich Probleme, aber das war im Deutschen genauso.

Tja, dann kam ich nach der Grundschule auf eine öffentliche weiterführende Schule in die Förderstufe. Und das Unglück nahm seinen Lauf. Nicht nur, dass all das Neue, die vielen Schüler, die fremden Lehrer, die vollkommen andere Art des Unterrichts, mich extrem stressten. Hier sollte ich plötzlich alles eigenständig machen. Sie sagten immer, jetzt beginnt der Ernst des Lebens. Jetzt ticken die Uhren anders. Damit konnte ich gar nichts anfangen.

Ich brauche jemand, der mich ermuntert, auffordert, mir hilft, mir erklärt, mir Hinweise gibt. Auf mich allein gestellt war ich komplett überfordert und hatte bald überhaupt keine Motivation mehr. Ich konnte gar nicht mehr anders als wütend, aggressiv und frech zu sein. Ich konnte nichts dagegen machen. Das ging wie von selbst. Ich konnte mich selbst nicht stoppen. Zuhause bettelte ich immer wieder, nicht mehr in die Schule gehen zu müssen. Es gab unentwegt Gespräche – ich mit den Lehrern, meine Eltern mit den Lehrern, ich mit den Sozialarbeitern, meine Eltern mit den Sozialarbeitern.

Schließlich stand fest: Ich sollte eine besondere Unterstützung bekommen – andere Bücher als die anderen in der Klasse und eine besondere Lehrerin. Mit noch anderen Kindern bildeten wir eine kleine Gruppe zum Lernen und Arbeiten und schrieben kürzere und weniger schwierige Klassenarbeiten. Inklusionsprogramm nannte sich das. Die besondere Unterstützung gab es allerdings nur in den Hauptfächern. Ansonsten wurde ich wie alle anderen behandelt. Und immer wieder die Argumentation, wenn ich nicht konnte wie ich sollte: So sind eben die Anforderungen. Wir haben hier noch 22 andere Kinder. Irgendwann wird er es schon lernen. Er muss nur wollen.

Verdammt nochmal, ich wollte doch. Ich war doch nicht absichtlich unkonzentriert. Ich verstand doch nicht absichtlich nicht, was die Lehrer von mir wollten. Ich verlor doch nicht absichtlich ständig irgendwelche Schulsachen. Ich vergaß doch nicht absichtlich, was ich machen sollte. Ich brachte doch nicht absichtlich alles durcheinander. Absichtlich war ich nur dann böse, wenn ich unter Druck geriet, wenn ich etwas nicht konnte, was von mir verlangt wurde, wenn ich ausgelacht wurde, wenn ich wieder alles vergessen hatte, wenn ich auch nach der dritten Erklärung immer noch nicht verstand, wenn ich mich schämte. Aber selbst diese Absicht konnte ich nicht steuern.

Ich war verzweifelt. Ich schwänzte immer wieder die Schule, suchte meinen Frust zu betäuben und drohte zunehmend auf die schiefe Bahn zu geraten. Die Schulleitung glaubte, ich hätte kriminelle Tendenzen. Sie wollten mich der Schule verweisen. Meine Eltern waren fassungslos. Das, was da alles mit mir passierte, passte nicht zu ihrem liebevollen, fröhlichen und neugierigen Luca der vergangenen Jahre.

Mama erzählt immer wieder gerne die Geschichte, dass sie der Landesschulbehörde gedroht hat, dass sie sich so lange auf die Eingangstreppen des Verwaltungsgebäudes setzt, bis sie zustimmen, ihren Sohn in eine Förderschule schicken zu können. Das wollten die nämlich auf keinen Fall. Die sagten, dass die Politik es wolle, dass möglichst alle Kinder Inklusion bekommen und es Förderschulen irgendwann nicht mehr geben soll.

Um es abzukürzen: Mama saß nicht lange auf der Treppe.

Ich ging dann in die Förderschule und war zunächst tatsächlich froh. In manchem war ich sogar besser als die anderen hier und das war ein gutes Gefühl. Vor allem in Englisch konnte ich glänzen. Das aber nur am Anfang. Weil ich alles wusste. Das wurde langweilig. Und wie. Die lernten Zahlen und Farben und Einkaufen gehen, Kleidungsstücke und solche Sachen. Und die Lehrerin sprach nur Deutsch. Ich rebellierte. Dabei traf ich nicht den richtigen Ton. Ich konnte das selbst nicht stoppen. Die Lehrerin wollte mich nicht mehr unterrichten. Im folgenden Schuljahr hatte ich eine andere Lehrerin. Aber auch die unterrichtete Englisch auf Deutsch und so verlernte ich das Sprechen. Wenigstens das fließende Verstehen auf Englisch ist mir geblieben, weil ich viel englische Musik höre, englische Videos und auch Filme schaue.

Gut für mich war, dass die Klasse in der Förderschule sehr klein war. Und es beruhigte mich, dass die anderen auch alle ihre Probleme hatten. Alle brauchten Unterstützung und besondere Förderung.

Aber dann, dann wurde es immer schlimmer mit dem Vergessen.

Die Ärzte erklärten, dass ich jetzt leider wegen der Pubertät eine schlimme Phase mit dem Gedächtnis habe. Das Gehirn sei sozusagen im Umbau, wie eine Baustelle. Für Jugendliche mit FAS wirke sich das noch schlimmer aus. Ich hatte immer größere Mühe mir Sachen zu merken, die ich lernen sollte. Hatte ich es dann drauf, sollte es am nächsten Tag wiedergeben, war es weg. Manchmal war es auch wieder da. Dann bekam ich gesagt, na also, geht doch, wenn Du es nur willst.

Das regt mich auf. Das hat doch nichts mit Wollen zu tun bei mir. Ich kann mein Wissen einfach nicht abrufen, wenn ich es möchte. Deshalb macht es mir keinen Spaß, theoretische Sachen zu lernen. In der Schule fiel das eben auch am meisten auf. Dann schämte ich mich, wurde wütend und oft aggressiv.

Die Abschlussfeier von der Schule war ein echter Freudentag für mich. Endlich vorbei. Nie wieder Schule. Jedenfalls so schnell nicht. Ich freute mich riesig, dass ich künftig arbeiten gehen würde. Das hatte ich schon bei den verschiedensten Schulpraktika gemerkt, dass das besser für mich war, wenn ich etwas Handwerkliches oder Pflegendes machen durfte.

Autorin: Dagmar Elsen

FAS und Schule

In dieser Frage sind sich alle Experten des Fetalen Alkoholsyndroms (FAS) einig: Durch eine frühzeitige und geeignete Förderung und Begleitung und die richtige Wahl der Schulform kann viel Stress und Frustration bei den Betroffenen vermieden werden. Denn nichts ist für die FAS-Kinder schlimmer, als wenn sie sich aufgrund eines von ihnen empfundenen, übermäßigen Leistungsdrucks überfordert fühlen. Und das passiert auch dann, wenn die FAS-Kinder einen durchschnittlichen Intelligenzquotienten aufweisen.

Die kognitiven Schäden aufgrund des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft führen dazu, dass die Kinder zum einen nicht in dem verlangten Tempo in der Schule mithalten können. Allein schon ihre Konzentrationsschwierigkeiten hindern sie daran. Zum anderen sind sie nicht ohne weiteres in der Lage, den Anweisungen der Lehrer zu folgen. Auch die Reizüberflutung durch zu große Klassen ist ein wichtiger Punkt. Die Folge: Die FAS-SchülerInnen reagieren mit äußerst negativen, unangemessenen, oft genug hochaggressiven Verhaltensweisen. Immer wieder müssen sich Eltern dieser Kinder anhören: Ihr Kind ist nicht beschulbar.

Vor Vollendung der Kindergartenzeit muss infolgedessen wohl überlegt werden, welche Schulform für das Kind am besten ist. Soll es in eine Regelschule mit oder ohne Inklusion gehen? Ist eine zusätzliche pädagogische Begleitung notwendig? Ist die übliche Förderschule die bessere Variante, oder vielleicht eine Förderschule für geistige Entwicklung? Eine weitere Option ist der Besuch einer anthroposophisch ausgerichteten Privatschule!

Getreu dem Motto “it needs a village to raise a child”, ist es auf jeden Fall sinnvoll, sich mit den Erziehern der Kindergarteneinrichtung, den behandelnden Ärzten und gegebenenfalls dem Jugendamt zu beraten. 

Leider machen Eltern von FAS-Kindern immer wieder die Erfahrung, dass das staatliche Schulamt darauf ausgerichtet ist, den Inklusionsgedanken voranzutreiben. Das bedeutet, dass darauf geachtet wird, möglichst wenig Kinder für die Förderschule zuzulassen. Dafür sollten sich Eltern keinesfalls vereinnahmen lassen, wenn klar ist, dass ihr Kind mit Inklusion in der Regelschule überfordert wäre.

Ist die Wahl der Schule gefällt, bedeutet das nicht, dass die Eltern sich nun entspannt zurücklehnen könnten. “Bisher wird die Förderung von Schülern mit FASD an Förder- und Regelschulen mehr oder weniger dem Zufall überlassen”, beklagt der Moses-Online-Dienst, der im Sinne von Pflegekindschaft, Adoption und Intergration derlei Themen aufgreift. Das liege daran, dass der Bekanntheitsgrad des Fetalen Alkoholsyndroms selbst bei Lehrkräften an Förderschulen zu gering ist. Aktuelles Wissen werde weder in der Ausbildung noch der Praxis erworben.

Deshalb sind alle Eltern gut beraten, die Lehrer umfassend über FAS an sich und im speziellen über die besonderen Beeinträchtigungen ihres Kindes zu informieren und während der gesamten Schullaufbahn im engen Austausch zu bleiben. “Denn nur das Wissen, dass das Verhalten von Kindern und Jugendlichen mit FASD neurologisch bedingt und nicht böswillig oder eine Folge von Erziehungsfehlern ist, ermöglicht eine fruchtbare Zusammenarbeit und schulischen Erfolg”, weiß auch das FASD-Netzwerk Nordbayern unter der Leitung von Dr. Gisela Bolbecher.

Informationen und Literatur zum Thema:

www.moses-online.de

www.fasd-netz.de

“FASD und Schule – Eine Handreichung zum Umgang mit Schülern mit Fetaler Alkoholspektrumsstörung”, von Anne Schlachtberger, erschienen im Schulz-Kirchner Verlag

Autorin: Dagmar Elsen

“Nein, es wächst sich nicht aus!”

Der neun Jahre alte Dennis lacht dem Leben ins Gesicht, ein lustiger Kerl ist er, fröhlich und den Menschen zugetan. Auch ein sehr liebes Kind, sagt seine Mutter. Dennis ist begeisterter Musikfan, er liebt Tiere, vor allem den Familienhund und die Katzen, mit denen er aufwächst, und er beschäftigt sich mit allem, was unter den Begriff Landwirtschaft fällt. Das macht ihn glücklich und froh. Seine Adoptiveltern, die liebt er über die Maßen. “Er braucht viel Liebe und Nähe“, sagen sie. Die geben sie ihm gern. Zumal auch sie ihn über alles lieben.

Eigentlich ist Dennis ein allseits beliebtes Kind. Eigentlich! Wieso eigentlich? Was hat er, das sagen lässt – eigentlich? Man sieht oder merkt ihm nichts an – weder auf den ersten, noch auf den zweiten Blick.

Als seine Mutter Dominique beginnt zu erzählen, tut sie dies in einer Atemlosigigkeit, die schon vermuten lässt, dass sich hier Unglaubliches Bahn bricht. Und so ist es auch. Es ist eine Geschichte, bei der man von einer Fassungslosigkeit in die nächste stürzt.

In Sachen eigenem Kinderwunsch meinte es das Schicksal mit Dominique und ihrem Mann Michael nicht gut. Dominique leidet unter dem PCO-Syndrom. Zahlreiche künstliche Befruchtungen schlugen fehl. Die beiden gaben auf und entschieden, ein Herzenskind zu adoptieren. Der Antrag wurde positiv beschieden.

Als sie beim Jugendamt gefragt wurden, ob es ein Kind von Drogenabhängigen oder von Rauchern sein dürfe, oder auch ein Kind, bei dem bekannt sei, dass die Mutter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken habe, lehnten Dominique und ihr Mann dies ab. Das wurde schriftlich festgehalten und unterschrieben. Dass Alkoholgenuss, Drogen und Rauchen schädlich für das ungeborene Lebensei, darüber waresie vom Jugendamt aufgeklärt worden. Die Folgen, das Fetale Alkoholsyndromblieben unerwähnt. Davon hatten die Beiden bis zum Tag der Tage auch noch nie etwas gehört.

Aber zurück zu den Anfängen: “Überglücklich” war das Paarals das Jugendamt ihnen eines Tages, es war gegen Ende 2010, mitteilte: Wir haben einen Jungen für sie. Dennis heißt erist 13 Monate alt, lebt bei einer Pflegefamilie. Dominique und Michael bekamen die Auflage, Dennis langsam kennenzulernen, sich sukzessive einander zu gewöhnen und Nähe aufzubauen. Im Februar 2011 durften sie ihn zu sich nach Hause holen.

Allerdings mit der Auflage des Jugendamtes”, erzählt Dominique, “dass niemand von außerhalb an das Kind herandürfe. Dafür musste sie ihren Beruf aufgeben. Alles drehte sich nur noch um Dennis. “Eineinhalb Jahre lang konnte ich nirgendwo hingehen”, erinnert sich die heute 34jährige noch zu gut.

Fassungslosigkeit 1: Eineinhalb Jahre? So lange? Warum? “Es dauerte so lange, bis wir es geschafft hatten, eine feste Bindung zwischen uns aufzubauen, dass Dennis anfing zu sprechen, dass er Nähe zuließ und Mama und Papa zu uns sagte“, erinnert sich seine Mutter. “Er hat immer nur Fäuste gemacht. Er ist immer zu fremden Leuten gelaufen statt zu uns, auch ster noch”, erinnert sich seine Mutter, ich habe geheult und dachte, ich mache irgend etwas falsch.

Der kleine Junge zeigte sich völlig traumatisiert. Er schrie und schrie und schrie. Zu dieser Zeit glaubten Dominique und ihr Mann noch, das liege an den schrecklichen Umständen. Ihnen war bekannt, dass Dennis’ leibliche Mutter das Kind nach der Geburt zum Kindernotdienst gebracht hatte. Von dort ging es zu ersten Pflegefamilie. Wenige Wochen später wollte die leibliche Mutter ihr Baby wieder haben. Es dauerte nicht lange, und Dennis landete wieder beim Kindernotdienst, bis ihn die nächste Pflegefamilie aufnahm.

Heute wissen es die Adoptiveltern besser: Ständiges Schreienebenso wie die Schwierigkeit Bindungen aufzubauen, spätes Sprechen lernen und das hemmungslose Zutrauen zu fremden Menschen, zumal das alles in der Kombination, sind typische Anzeichen für FAS.

Fassungslosigkeit 2: Es kam der Tag, da Dennis in die Kita kam. Dort war er schnell als das “schwierige Kind” verschrien. Dennis hielt partout die Regeln nicht ein, er kasperte ständig herum, wollte alle Aufmerksamkeit nur auf sich ziehen, hatte Wutanfälle, wenn etwas nicht nach seinem Kopf war, ärgerte die Spielkameraden. “Für die Erzieher war das sehr anstrengend mit ihm”, stellt Dominique klar. Sie waren definitiv überfordert, auch wenn sie sich allergrößte Mühe gaben. Ebenso wie die Eltern zu Hause stellten die Erzieher in der Kita fest, dass Dennis zudem massive Entwicklungsdefizite hatte. Seine Auffassungsgabe funktionierte nur im direkten Blickkontakt. Zusammenhänge erfassen, das konnte er überhaupt nicht. Ungewöhnlich war auch, dass er die Farben nicht lernte.

Dennis bekam therapeutische Unterstützung: Logopädie und Ergotherapie. Es hieß: Das wird noch. Von wegen. In Absprache mit den Adoptiveltern bestellte die Leiterin der Kita Entwicklungstests. Ergebnis: Dennis war mit vier Jahren auf dem Stand eines zweijährigen. Dennis wurde den Kita-Erziehern zur Last. Die waren richtig genervt, berichten seine Eltern. Irgendwann gab ihnen der Kinderarzt ohne weitere Erklärung eine Überweisung nach Leipzig ins Sozialpädiatrische Zentrum.

Fassungslosigkeit 3: “Als ich nach Leipzig kam, war die erste Frage der Ärztin, ob die leibliche Mutter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken habe”, weiß Dominique noch zu gut, “ich verneinte natürlich, denn so war es beim Jugendamt schriftlich festgehalten worden. Uns war lediglich gesagt worden, dass der leibliche Vater Alkoholiker sei, die Mutter unter Schwangerschaftsdepressionen gelitten habe. Die Ärztin wollte das nicht glauben. Dominique: “Ich rief während des Termins meinen Mann an, weil ich schon begann an mir selbst zu zweifeln.” Dominique fühlte sich wie in einem schlechten Film.

Die Ärztin klärte Dominique eingehend über das Fetale Alkoholsyndrom auf. Sie war sich ihrer Diagnose sicher und forderte den Geburtsbericht von Dennis an. “Den durfte sie mir aber nicht zeigen”, berichtet Dominique sichtlich erzürnt. Als die Ärztin kurz in einem Nebenzimmer verschwand, las Dominique schnell den Bericht: “Alkoholbedingte Entzugserscheinungen bei der Geburt” stand da zu lesen.

Fassungslosigkeit 4: Trotz der FAS-Diagnose, die zu einer Feststellung der Schwerbehinderung zu 80 Prozent mit den Merkmalen G*, B* und H* mit Pflegestufe 1 und Pflegegrad 2 führte, müssen sich die Eltern auch heute noch rechtfertigen. Ständig werden wir von anderen dargestellt, als bildeten wir uns das alles nur ein“, klagt die Mutter. Oder es werde gesagt: Das wächst sich noch aus. “Nein, es wächst sich nicht aus”, ruft Dominque empört aus. Selbst wenn man dem Kind körperlich überhaupt nichts ansehe, müsse man die Diagnose der vielen neurologischen Schäden doch nicht ständig anzweifeln, klagt sie.

Anders in der Kita. “Hier haben sie uns spüren lassen, dass sie den Jungen lieber in einem Behindertenkindergarten gesehen hätten”, sagt Dominique. Doch Dominique und Michael konnten sich durchsetzen. Ein nochmaliger Wechsel bevor Dennis eingeschult würde, war auch für die Kita-Leitung nicht zu vertreten. Dennis durfte bleiben. Als es vor zwei Jahren um die Einschulung ging, forderte das Schulamt die Inklusion für ihn in einer Regelschule. “Wir wussten aber, dass er damit völlig überfordert wäre“, sagt Dennis Mutter. Rückendeckung bekamen die Eltern hier vom Sozialpädiatrischen Zentrums in Leipzig und der Kita. Inzwischen besucht Dennis eine Förderschule für geistige Entwicklung.

Fassungslosigkeit 5: Der Vorgang beim Jugendamt hat den Adoptiveltern von Dennis keine Ruhe gelassen. Denn es ist ein Fall, der zum Himmel und nach Rechenschaft schreit. Zum einen, weil das Jugendamt aus ihrer Sicht wider besseres Wissen gehandelt hat. Zum anderen, weil sowohl sie selbst als auch das Kind über Jahre hinweg aufgrund ihres Unwissens großem Leid ausgesetzt und die Auswirkungen des Fetalen Alkoholsyndroms dadurch nur noch verschlimmert worden sind.

Sie wandten sich deshalb an einen Anwalt. Der gab zu Bedenken, dass es bei einer Gerichtsverhandlung auch darum gehen werde, Dennis wieder zurückzugeben. Bei dieser Vorstellung stockt den Adoptiveltern der Atem. Das wollen sie auf gar keinen Fall. Dennis ist und bleibt von ganzem Herzen ihr Sohn. Daran ändert auch die Diagnose FAS nichts. Eine Klage haben sie deshalb ad acta gelegt.

(In Kürze: Das Merkzeichen G* wird Menschen zuerkannt, die in ihrer Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt sind. Das Merkzeichen B* wird für eine ständige Begleitung zuerkannt. Das Merkzeichen H* bedeutet, dass die Person dauernd fremde Hilfe benötigt, um das Leben auch im alltäglichen meistern zu können. Eingehende Erläuterungen für FAS-Betroffene vgl. Blog “Hilfe für Betroffene” mit dem Titel “Anspruch auf Unterstützung”.)

Autorin: Dagmar Elsen

Das unsichtbare Handicap

Ich möchte endlich nicht mehr hören müssen, dass ich verlogen, frech, faul, dumm und aggressiv bin. Das bin ich nicht. Jedenfalls nicht so, wie das alle immer denken. Ich weiß, dass ich so wirke. Das ist schrecklich. Weil deshalb viele Leute nichts mit mir zu tun haben wollen. Das ist auch der Grund, warum ich so schwierig Freunde finde; ganz besonders seit ich so 13 Jahre alt war. 

Klar habe ich gemerkt, dass irgendwann die anderen in der Schule an mir vorbei gezogen sind. Ich bin ja nicht dumm. Ich habe sehr wohl mitbekommen, dass die immer schneller lernten und auch viel mehr lernten als ich. Aber nicht nur das. Bald konnte ich auch bei manchen Gesprächen nicht mehr mithalten. Es waren plötzlich nicht mehr meine Themen. Ich konnte damit nichts anfangen, was die anderen gesagt oder gemeint haben.

Erst konnte ich es noch überspielen. Aber immer öfter bin ich aufgeflogen. Die anderen fingen an, Witze über mich zu machen, mich auszulachen. Das war so frustrierend. Ich wurde wütend und aggressiv. Ich fühlte mich so hilflos. Ich wollte doch so gerne weiter dazu gehören.

Es war doch auch eigentlich meine Welt. Diese Welt war so schön gewesen, vom Kindergarten bis Ende der Grundschule – es war immer Montessori und international. Ich bin nie ausgegrenzt worden. Die meisten Kinder waren nett, auch die Eltern, vor allem die, mit denen sich meine Eltern angefreundet haben. Die waren ganz viel bei uns zu Hause. Wir hatten einen riesigen Garten mit einem Schwimmbad und einem großen Teich. Wir konnten uns austoben wie wir wollten. Wir durften so hoch klettern wie wir konnten, Frösche fangen, im Schlauchboot paddeln, wir haben Pfeil und Bogen gebaut, Himbeeren und Brombeeren gepflückt, Marmelade gekocht, Kuchen gebacken, in der Erde gebuddelt, Pilze gesammelt, gezeltet und im Kamin Würstchen gegrillt.

Ich kann noch ganz viel davon erzählen, aber ich glaube, das dauert zu lange. 

Jedenfalls war ich glücklich. Und wenn ich mal unglücklich war, bin zu den Kröten am Teich und hab’ mit ihnen gespielt. Ich habe ihnen Schlafplätze gebaut und mich mit ihnen unterhalten. Oder ich habe mit unseren Hunden geschmust. Ja ich weiß, ich habe sie auch geärgert. Wenn es denen zu viel wurde, haben die sich gewehrt, aber ohne mir weh zu tun.

Unser Leben zu Hause war ziemlich geregelt. Und sehr reizarm, wie meine Mama immer betont hat. Viel Fernsehen durften wir nicht. Das fanden wir, ich habe noch einen Bruder, natürlich doof. Dafür hat Mama jeden Tag vorgelesen. Wir haben viel gebastelt, gemalt, zusammen gekocht, gesungen, getanzt, Musik gehört, ja, und ganz viel Sport gemacht. Mama war fast immer da, wenn wir aus der Schule nach Hause kamen, und hat sich mit uns beschäftigt.

Ich bin zweisprachig aufgewachsen. Ich habe damals beide Sprachen fließend gesprochen. Englisch mochte ich sehr. Ich war einer der Besten im Lesen. Klar, ich hatte Mühe beim Lernen. Ich musste viel wiederholen; auch immer wieder ermuntert werden. Mathe war so gar nicht mein Fach. Das Addieren und Subtrahieren ging irgendwann ganz gut, aber Multiplizieren und Dividieren kann ich logisch bis heute nicht nachvollziehen. Ich konnte aber lernen wie es geht. Das ging vielen anderen in der Grundschule aber auch nicht anders. Deshalb fiel es ja nicht auf, dass ich eigentlich anders war als die anderen.

Super fand ich Naturwissenschaften. Vor allem, wenn wir Versuche machten. Besonders toll fand ich, als wir einen Vulkan bauten, aus dem es dann tatsächlich dampfte und rauchte. Zu der Zeit wollte ich unbedingt Forscher und Entdecker werden.

Beim Sport war ich richtig gut. Die Trainer sagten alle immer: „Phantastische Motorik der Junge. Naturbegabung.“ Ich war stolz. Ich lernte alles immer schnell und leicht. Der Tennistrainer hat es mir vorgemacht und ich machte es einfach nach. Er sagte, ich könnte noch viel mehr werden als nur Vereinsmeister. Aber ich hatte ein Riesenproblem: Wenn ich etwas nicht gleich hinbekam, dann war ich extrem frustriert und schnell wütend. Das lief dann gar nicht gut bei den Medenspielen. Ich wollte ja unbedingt gewinnen. Aber wenn ich einen Punkt nicht machte, war ich sofort sauer und frustriert. Das wurde dann so schlimm, dass ich mich immer schlechter konzentrieren konnte und die Matches verlor. 

Aus dem Grund habe ich auch mit Judo wieder aufgehört. Eigentlich hat mir Judo viel Spaß gemacht und ich war auch richtig gut. Deshalb wollte der Trainer, dass ich Gürtel mache. Ich aber nicht. Das wären ja wieder Prüfungen gewesen und alle hätten dabei zugeschaut. Purer Stress für mich.

Fußball habe ich auch so gerne gespielt. Aber nur, wenn es um nichts ging und alle sozusagen durcheinander spielten. Im Fußballcamp habe ich die Spieltaktik nicht kapiert. Ich wollte immer mit dem Ball alleine durchstoßen. Ich habe den Trainer nicht verstanden, warum er die Nerven verlor mit mir.

Nach der Montessori-Schule musste ich in die Förderstufe der Gesamtschule. Es war schrecklich. Alles neu. Alles anders. Alles riesig. So viele Menschen. Ich war in ständiger Panik. Ich wusste überhaupt nicht wohin mit mir. Im Unterricht kam ich nicht mit. Ich bekam eine Extra-Lehrerin. Inklusion nannte sich das. Es half mir nur zum Teil. Außerdem war die Extra-Lehrerin nicht immer da. 

Ich wurde aggressiv und zog mich immer mehr zurück.

In der nächsten Blog-Folge erzählt Luca, wie er sich selbst verlor, vom Weg abdriftete, entsetzliche Erfahrungen machte, die in einem Albtraum mündeten, bis seine Mutter die Reißleine zog, weil sie, wie sie schon länger ahnte, aber nun klar erkannte: Mit Luca stimmt etwas Grundlegendes nicht.

Autorin: Dagmar Elsen