Frühe Vergabe von Cholin zeigt nachhaltige Effekte
Kinder mit fetalen Alkoholschäden weisen häufig erhebliche Beeinträchtigungen in Gedächtnis, Lernen, Aufmerksamkeit und exekutiven Funktionen auf. Der essenzielle Nährstoff Cholin spielt eine zentrale Rolle in der Gehirnorganisation. Er ist ein wichtiger Baustein für Phospholipide wie Lecithin, die für die Struktur und Funktion von Zellmembranen unerlässlich sind. Und er ist ein Vorläufer des Botenstoffs Acetylcholin, der eine entscheidende Rolle für die Signalübertragung zwischen Nervenzellen spielt. Chopin ist also bei der Entwicklung des Hippocampus sowie bei den Lern- und Gedächtnisprozessen von enormer Bedeutung. Schon mehr als ein Jahrzehnt haben Forscherteams mehrere Studien durchgeführt, um zu prüfen, ob Cholin auch bei Kindern mit FASD klinisch bedeutsame Effekte entfaltet.
In der Pilotstudie von 2013* ging es um die Machbarkeit und die Sicherheit ging. Dafür wurde eine tägliche Cholin-Supplementierung bei Kindern mit FASD im Alter von zwei bis fünf Jahren vorgenommen. Im Ergebnis gab es erste Hinweise auf mögliche Gedächtnisverbesserungen. Zusätzliches Cholin war gut verträglich und zeigte eine hohe Compliance.
Im Jahr 2015 folgte eine randomisierte, placebokontrollierte Studie**. Es sollte die Wirksamkeit in der frühen Kindheit eruiert werden. 60 Kinder (Alter ca. 2,5–5 Jahre) erhielten über neun Monate 500 mg Cholin oder Placebo. Das Ergebnis brachte Verbesserungen bei bestimmten Gedächtnisformaten, insbesondere bei den jüngeren Kindern. Und es zeigte sich auch: Je früher die Intervention, desto größer war der Effekt.
In den Jahren 2016/2017*** wurde der Versuch bei älteren Kindern durchgeführt. Sie waren zwischen fünf und zehn Jahren. Hier konnte kein signifikanter kognitiver Effekt einer Cholin-Supplementierung mehr nachgewiesen werden. Es bestätigte sich also der Verdacht, dass Cholin wohl nur in einem frühen neuroplastischen Zeitfenster wirksam ist.
2020 folgte ein 4-Jahres-Follow-Up**** der ursprünglichen Kohorte von 2015. Diese Kinder waren nun 8,5 bis 9 Jahre alt. Verbessert hatte sich signifikant die non-verbale Intelligenz, das Arbeitsgedächtnis, das verbale Gedächtnis, die visuell-räumlichen Fähigkeiten. Außerdem hatte sich die ADHS-Symptomatik reduziert.
Nicht verbessert hatten sich die verbale Intelligenz, das visuelle Gedächtnis und einige exekutive Funktionen.
Die vorgelegten Langzeitdaten zeigten außerdem, dass Verbesserungen noch Jahre nach der Beendigung der Supplementierung bestehen bleiben.
Alles in allem rechtfertigen diese Studien eine vertiefte Forschung insofern, als dass nach der optimalen Dosierung geschaut werden muss. Ebenso nach der Dauer der Supplementierung.
Die Erkenntnisse der Studien weisen zudem einmal mehr auf die Bedeutung einer frühen FASD-Diagnose hin, um sinnvolle Interventionen überhaupt nutzen zu können. An dieser Stelle gilt noch der Einwand zu beleuchten, dass nach dem Absetzen von Cholin das Verhalten eskaliere. Für diese Annahme gibt es keine empirische Evidenz.
Aber keine der Studien berichtet von eskalierenden Wutausbrüchen, einer verstärkten Impulsivität oder von Rebound-Effekten.
Insbesondere die 4-Jahres-Follow-Up-Studie von Wozniak aus 2020 zeigt stabile oder neutrale Verläufe und dokumentiert keine Verschlechterung exekutiver oder affektiver Funktionen im Vergleich zu der Placebo-Gruppe. Es ist davon auszugehen, dass beobachtete Verschlechterungen im späteren Kindesalter den typischen altersspezifischen Entwicklungsverläufen bei FASD entsprechen. Dysfunktionale Verhaltensweisen sind nicht kausal mit der Cholin-Vergabe verknüpft.
*Friedman et al., 2013
**Wozniak et al., 2015
***Nguyen at al., 2016/2017
****Wozniak et al., 2020
Autorin: Dagmar Elsen
