Egoistisch durch FASD?
„Er denkt immer nur an sich.“
„Sie sieht überhaupt nicht, was sie anderen zumutet.“
„Ich habe schon fünfmal Nein gesagt – und trotzdem geht es immer weiter.“
Solche Erfahrungen machen Angehörige und Bezugspersonen von Menschen mit FASD immer wieder. Das Verhalten kann ausgesprochen egoistisch, fordernd und rücksichtslos wirken – und für das Umfeld enorm belastend sein. Doch hinter diesem Verhalten steckt häufig etwas anderes als bewusste Rücksichtslosigkeit.
FASD ist eine Schädigung des Gehirns durch vorgeburtliche Alkoholexposition. Betroffen sein können gerade jene Funktionen, die wir benötigen, um unser eigenes Verhalten an den Bedürfnissen anderer auszurichten: Impulskontrolle, Arbeitsgedächtnis, Handlungsplanung, kognitive Flexibilität, das Abschätzen von Konsequenzen und die Fähigkeit, die Perspektive eines anderen Menschen einzunehmen.
So passiert es, dass die Betroffenen Mitgefühl zeigen, aber dennoch die eigenen Bedürfnisse verfolgen.
Ein Mensch mit FASD kann erkennen: „Mama ist erschöpft.“ Er kann sogar echtes Mitgefühl empfinden. Aber sehr viel anspruchsvoller ist der nächste Schritt:
„Mama ist erschöpft. Deshalb stelle ich meinen eigenen Wunsch jetzt zurück, obwohl er mir gerade sehr wichtig ist.“
Dafür müssen mehrere komplexe Gehirnfunktionen gleichzeitig zusammenspielen: Die Situation des anderen muss erkannt, das eigene Bedürfnis gehemmt, die Konsequenz des eigenen Handelns vorausgesehen und das eigene Verhalten entsprechend verändert werden.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen bei Menschen mit FASD Schwierigkeiten bei der sozialen Perspektivübernahme und bei komplexeren Aufgaben der sozialen Kognition. Hinzu kommen häufig erhebliche Beeinträchtigungen der exekutiven Funktionen – also genau jener Fähigkeiten, die für Selbststeuerung und situationsgerechtes Verhalten notwendig sind.
In diesem Zusammenhang kann für Angehörige ein weiteres Verhalten zermürbend sein: Eine Forderung endet nicht, obwohl längst Nein gesagt wurde.
Es wird erneut gefragt. Argumentiert. Verhandelt. Gedrängt. Eine Stunde später wird schon wieder gefragt. Und gerne wird am nächsten Morgen wieder von vorne begonnen.
Beim Gegenüber entsteht verständlicherweise der Eindruck: „Mein Nein interessiert ihn überhaupt nicht. Er hört erst auf, wenn er bekommt, was er will.“
Auch hier geben die neurologischen Schwierigkeiten Aufschluss zu diesem Verhalten.
Denn ein „Nein“ muss nicht nur gehört und verstanden werden. Die Information muss im Arbeitsgedächtnis verfügbar bleiben. Der eigene Wunsch muss gehemmt werden. Die Entscheidung des anderen muss akzeptiert werden. Und schließlich muss es gelingen, gedanklich und emotional von diesem Wunsch wegzukommen und sich auf etwas anderes einzustellen.
Dafür werden unter anderem Inhibitionskontrolle, Arbeitsgedächtnis, Selbstregulation und kognitive Flexibilität benötigt – Funktionen, die bei FASD beeinträchtigt sein können.
So entsteht ein scheinbarer Widerspruch: Ein Mensch mit FASD kann durchaus verstanden haben, dass die Antwort Nein lautet – und kurze Zeit später trotzdem wieder fragen. Das ist für das Umfeld extrem anstrengend.
Diese Erklärung des Verhaltens darf aber nicht bedeuten, das alles hinnehmen zu müssen. Im Gegenteil: Menschen mit FASD benötigen häufig besonders klare, konkrete und verlässliche Grenzen.
Statt: „Jetzt versteh doch endlich, dass ich das nicht möchte!“ Besser: „Die Antwort ist Nein. Wir besprechen das heute nicht noch einmal.“ Kommt die Forderung erneut, sollte möglichst nicht jedes Mal eine neue Begründung folgen. Denn dadurch kann aus einer eigentlich abgeschlossenen Entscheidung wieder eine Verhandlung werden.
Auch abstrakte Aufforderungen wie „Sei rücksichtsvoller!“ oder „Denk doch auch einmal an andere!“ sind wenig konkret.
Hilfreicher sind eindeutige Regeln:
„Wenn ich Nein gesagt habe, fragst du heute nicht noch einmal.“
„Wenn jemand telefoniert, wartest du, bis das Gespräch beendet ist.“
„Heute kann ich dir nicht helfen. Morgen um 15 Uhr können wir es gemeinsam machen.“
Ein Mensch kann warmherzig, liebevoll und mitfühlend sein – und sich in bestimmten Situationen trotzdem erstaunlich egozentrisch und fordernd verhalten.
Das ist kein Widerspruch.
Mitgefühl zu empfinden ist nicht dasselbe wie die Bedürfnisse eines anderen rechtzeitig zu berücksichtigen, den eigenen Wunsch zurückzustellen, einen Impuls zu stoppen und anschließend das eigene Verhalten zu verändern. Gerade diese komplexe Selbststeuerung kann bei FASD erheblich beeinträchtigt sein.
Deshalb sollten wir nicht nur fragen:
„Warum ist dieser Mensch so egoistisch?“
Sondern:
„Welche Leistung verlangen wir in diesem Moment von seinem Gehirn – und kann es diese Leistung zuverlässig erbringen?“
Das neurologische Defizit kann Verhalten erklären. Es bedeutet aber nicht, dass Angehörige grenzenlos belastbar sein müssen.
FASD verstehen heißt deshalb beides: Verhalten nicht vorschnell moralisch bewerten – und gleichzeitig klare Grenzen setzen.
Quellen:
Stevens, S. A., Dudek, J., Nash, K., Koren, G. & Rovet, J. (2015): Social Perspective Taking and Empathy in Children with Fetal Alcohol Spectrum Disorders. Journal of the International Neuropsychological Society. Mattson, S. N., Bernes, G. A. & Doyle, L. R. (2019): Fetal Alcohol Spectrum Disorders: A Review of the Neurobehavioral Deficits Associated With Prenatal Alcohol Exposure. Alcoholism: Clinical and Experimental Research. Rasmussen, C. & Bisanz, J. (2009): Executive functioning in children with Fetal Alcohol Spectrum Disorders: Profiles and age-related differences. Child Neuropsychology
Autorin: Dagmar Elsen, Journalistin und Initiatorion der Kampagne
